Lieber Bundesvorstand,
der Landesverband Saar der Grünen Jugend hat sich ein paar Gedanken über euren Punkt „Weg vom Patriarchat und von der Heteronormativität“ des neuen Selbstverständnisses gemacht. Vorneweg: Wir fänden es wäre ein wirklich schöner Ansatz, das Ganze „Weg von der Männervorherrschaft und hin zur Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit“ zu nennen. Gerade im Sinne der Gleichberechtigung sollte doch Wert darauf gelegt werden, dass auch jeder die Möglichkeit hat, die Thematik überhaupt zu verstehen.

Nun zu der Forderung „Zweigeschlechtlichkeit auflösen“. Diese wird von unserem Landesvorstand abgelehnt. Von Natur aus ist es vorgesehen, dass wir zwei verschiedene Geschlechter brauchen, um den Fortbestand unserer Art zu sichern. Das allein ist doch nichts Schlechtes. Im Gegenteil, es sagt uns, dass beide Seiten gleichermaßen gebraucht werden. Man könnte dies als Grundstein der Gleichstellungspolitik ansehen. Es gibt eben elementare, physische Unterschiede zwischen „Mann“ und „Frau“.

Mehr wird durch die Worte zunächst ja nicht ausgedrückt. Die Definitionen besagen nichts weiter, als das es eben eine Differenz in den Geschlechtsmerkmalen gibt. Diese abzustreiten wäre Humbug und könnte kaum ernstgenommen werden.

Warum also gleichsetzen, was nicht gleich ist?

Das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Geschlechter allein birgt doch noch keine Rollenbilder, keine vorgeschriebene Persönlichkeitsentwicklung oder spezielle Erwartungen, die an ein Neugeborenes geknüpft werden. Dass es dazu kommt, ist allein auf den Mist der Gesellschaft gewachsen, die sich nur schwer von Gewohnheiten und Traditionen lösen kann. Aber sie tut es, nach und nach, und doch beständig.

Und hier gilt es anzusetzen und Potenzial auszuschöpfen. Wichtig ist doch nicht, dass wir alle ein und dasselbe Geschlecht bekommen, sondern vielmehr ein und dieselben Chancen und die Möglichkeit, sich selbst entfalten zu können. Dabei schränkt einen der Titel „Mann/Frau“ grundsätzlich in keiner Weise ein. Das ist nur ein Wort, die Feststellung der Tatsache eines Unterschieds, der uns nun mal so vorgegeben wurde. Die eigentliche Einschränkung, sozusagen die Wurzel des Problems, liegt an uns selbst. Niemand schreibt einem vor, wie mensch zu leben hat, es ist allein deine Entscheidung, ob du dir zu Weihnachten Barbiepuppen oder Plastikautos wünschst. Du hast die Wahl.

Und unsere Aufgabe als Grüne Jugend sollte sein, zuhelfen, die Wahl leichter zu machen. Gesellschaftliche Rollenbilder aufzubrechen, jungen Menschen neue Perspektiven aufzuzeigen. Zu sagen: „Hey, es ist ok, wenn du dich so entwickelst, wie du es für richtig hältst und nicht, wie es von dir erwartet wird.“ Das kann zum Beispiel im Zuge von Kampagnen zu verschiedenen Berufsbildern sein, oder grundlegend mit einer neuen Erziehung vom Kindergartenalter an.

Durch das Wegfallen der Geschlechter löst man Probleme nicht, man verlegt sie nur in eine neue Ebene, die nach außen hin den Anschein von absoluter Gleichberechtigung wahrt. Die naturgegebenen, sichtbaren Unterschiede lassen sich dadurch jedoch weder retuschieren, noch wegzaubern. Ein anderes Thema sind jene Neugeborene, bei denen das naturgegebene Geschlecht nicht von Anfang an feststellbar ist. Hier würden wir uns wünschen, dass Eltern die Option erhalten, die Angabe zum Geschlecht im Pass ihres Kindes zunächst freizulassen. Im Laufe der Zeit wird sich herausstellen, welchem Geschlecht sich das Kind zugehörig fühlt.

In seinem Personalausweis kann es dann selbst bestimmen, welcher Eintrag ihm am passendsten erscheint. Das würde für diese Menschen schon eine große Erleichterung darstellen. Transgender und transsexuelle Menschen müssen das Recht haben, ihre Lebensweise selbst zu bestimmen, bei der Ausgestaltung ihrer Geschlechtsidentität wie auch bei ihrer Partnerwahl.

Das Transexuellenrecht muss grundlegend reformiert werden. Insbesondere darf die Personenstandänderung nicht mehr an die menschenverachtende Voraussetzung einer „dauernden Fortpflanzungsunfähigkeit“ geknüpft sein. Ebenso soll sie nicht mehr von der operativen Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts abhängig gemacht werden. Die Geschlechtergrenzen sollen in diesen Fällen gelockert werden. Gleichzeitig solidarisieren wir uns mit diesen Menschen im Kampf gegen Ausgrenzung und Diskriminierung.

Zusammenfassend fordern wir die Beibehaltung der Zweigeschlechtlichkeit, stattdessen:

  • gezieltes, nachhaltiges Fördern der Chancengleichheit und Gleichberechtigung.
  • Bei intersexuellen Menschen soll der Zeitpunkt der Festlegung des Geschlechts auf ein Alter verschoben werden, indem sich das Kind eigenständig für eins von beidem entscheiden kann.

Ein weiterer Punkt, der uns sehr am Herzen liegt, ist die „positive Diskriminierung“. Positive Diskriminierung! Was für ein Wort! Wie könnte jegliche Form der Diskriminierung, also Unterdrückung einer bestimmten Menschengruppe, jemals positiv sein?

Ist es nicht paradox, auf der einen Seite für Gleichberechtigung zu kämpfen, und auf der anderen Seite die eindeutige Bevorteilung einer bestimmten Menschengruppe in der Satzung zu verankern? Wo ist der Sinn darin, ein Problem anzugehen, indem man es langfristig umzukehren versucht? Und nichts weiter passiert hier. Wenn man sich beispielsweise das Frauenstatut genauer betrachtet, so erweckt dies schon fast den Anschein, als sei bald die Emanzipation des Mannes von Nöten um die Vormacht der Frau zu kompensieren. Kehren wir die positive Diskriminierung dann um?

Eines der besten Beispiele ist die Quotierung sämtlicher Grüne-Jugend-Gremien mit 50 Prozent plus für die Frauen. Das Ganze unter dem Deckmantel, man wolle ja repräsentativ für die Gesellschaft handeln und die sei nun einmal zur Hälfte weiblich. Aber 50%+ ist nun einmal nicht die Hälfte und dadurch auch nicht repräsentativ. Weder für die Bevölkerung, noch für die Mitglieder der Grünen Jugend. Nehmen wir doch mal unseren Landesverband. Wir sind hier zu zwei Dritteln männlich und etwa einem Drittel weiblich. Wäre es da nicht ungerecht, strenge Quotierungen durchzuführen?

Wenn Quotierungen, dann sollte dies halb und halb erfolgen. Aus bloßem Idealismus unbegründete, sinnfreie Maßnahmen zu fällen bringt keinen weiter und mit einer Unterbesetzung an Männern wäre auch niemandem geholfen. Ähnlich abstrus erscheint das Abstimmungsverhalten bei Bundesausschüssen. Mit welcher Legitimation haben zwei Männer nur eine, zwei Frauen jedoch zwei Stimmen? Gleichberechtigung, die doch unser erklärtes Ziel ist, wird so jedenfalls nicht gewährleistet! Hier wäre es konsequent gleichgeschlechtlichen Delegierten grundsätzlich nur einmaliges Stimmrecht zu erteilen. Noch sinnvoller wäre es jedoch, beiden Stimmrecht zu gestatten und froh darüber zu sein, dass sich motivierte Delegierte gefunden haben, die bereit sind, einen konstruktiven Beitrag zur Arbeit unseres Verbandes zu leisten.

Mal ganz davon abgesehen führt ein solches Vorgehen nur dazu, dass die feministische Bewegung in der Öffentlichkeit mehr und mehr ins Lächerliche gezogen wird. Wie soll man auch jemanden ernst nehmen, der Gleichberechtigung und die Forderung nach „positiver“ Diskriminierung in einem Satz vereint? Wie kann man etwas nachhaltig wirkungsvoll bekämpfen, indem man die Problematik nur umzukehren versucht?

Die „positive Diskriminierung“ ist wie Frieden durch Krieg erzwingen. Vollkommen gehaltsfrei, paradox und alles andere als zielführend! Wir fordern deshalb die Abschaffung der positiven Diskriminierung, stattdessen wollen wir eine 50-Prozent-Quotierung, bzw. fordern wir die Formulierung „nach Möglichkeit verschiedengeschlechtlich“ in die Satzung aufzunehmen.

Um die beiden diskutierten Punkte miteinander in Verbindung zu bringen: Wie ist es eigentlich zu verstehen, wenn der Bundesverband auf der einen Seite Geschlechter abschaffen will, da wir ja eh alle gleich und einfach „Menschen“ sind, und auf der anderen Seite bei Quotierungen krampfhaft auf die Trennung von Geschlechtern beharrt?

Mit den besten junggrünen Grüßen
Landesvorstand der Grünen Jugend Saar